Zitat aus der taz Berlin lokal Nr. 7236 vom 17.12.2003 (Jan Feddersen):

Das Projekt begann im Herbst vorigen Jahres. 45 Schüler der Andreas-Oberschule im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg zwischen sieben und dreizehn Jahren nahmen am Gründungsworkshop teil. Das Interesse war groß, denn es ging um etwas, was den meisten Heranwachsenden als Angst im Nacken sitzt: schwul oder lesbisch zu werden. Kurz: anders als die anderen zu sein oder zu werden. Dem Leiter des Projekts konnten sie Vertrauen schenken, denn Peter Wuttke, Jahrgang 1958, ist seit neun Jahren nicht nur Biologie- und Chemielehrer an dieser Schule nahe des Ostbahnhofs, sondern auch Vertrauenslehrer.

Was die Gruppe nun veröffentlicht hat, könnte bahnbrechend sein, denn die von ihnen erarbeitete Expertise hat es im deutschsprachigen Raum noch nicht gegeben – Thema: „Homosexualität und Schule. Eine Studie zu Einstellungen und Sichtweisen von 850 Jugendlichen zum Thema Homosexualität“.

Die Resultate sind freilich erschreckend und korrespondieren so gar nicht mit dem vorwiegend hauptstädtischen Lebensgefühl, die gesellschaftliche Realität von Homosexualität habe sich zum Liberaleren und Laxeren wesentlich gebessert. Tatsächlich aber beweist die Studie, dass gerade Jüngere, noch durch keine Waschmaschine der politischen Korrektheit gegangen, Ressentiments gegen Schwule und Lesben hegen. Das wurde schon beim Workshop zum Auftakt des sozialwissenschaftlichen Projekts deutlich: Homosexualität wurde generell als Problem, also als fragwürdige Abweichung vom Gegebenen genommen. Deutlich wurden einige Schüler, als sie, durchaus mitfühlend, den bedauernswerten, weil an der Umwelt leidenden Homosexuellen die Kastration empfahlen. Mehr noch taucht aber diese Sichtweise in den Interviews auf – in denen viele Schüler aus ihrer Aversion gegen Homosexuelles kein Hehl machten, weil ihnen Anonymität zugesichert worden war. „Hass und tiefe Abneigung“, so Peter Wuttke, haben seine Interviewer zu hören bekommen, „fast nie Anteil nehmenden Gleichmut oder interessierende Neugier.“

Ein Viertel der Schüler jedenfalls glaubt, Homosexualität sei genetisch bedingt; knapp 80 Prozent nehmen an, dass Homosexualität ein Ergebnis schlechter Erfahrungen mit dem je anderen Geschlecht sei. Viele glaubten zudem, dass Schwule und Lesben verführt worden sei – dies gaben sogar 10 Prozent mehr an als bei einer (freilich vom Sample her kleineren, also weniger aussagekräftigen) Studie vor zehn Jahren. Zuwachs hat auch der Glaube erhalten, Homosexualität sei mit Extravaganz gleichzusetzen – vielleicht ein Reflex auf die öffentliche Selbstdarstellung von Schwulen und Lesben bei den CSD-Paraden.

Auffällig aber, dass verachtende Fantasien in viel geringerem Maße von Mädchen geäußert wurden; Jungen hingegen reagieren stark aggressiv auf das Thema an sich. Noch ein Resultat: Homosexualität wird nur selten zum Gegenstand des Unterrichts; was auch dadurch belegt wird, dass nur 11 Prozent der Lehrer bereit waren, an der Untersuchung als Interviewte überhaupt mitzuwirken. Horribel aber auch, dass nur Einzelne Homosexualität für eine gleichwertige Lebensform halten – und wohl auch bereit wären, schwule oder lesbische MitschülerInnen vor Hänseleien und Schlägen zu schützen.
In der Summe sind dies traurige Befunde, denn sie wurden an einer Schule erzielt, die viel auf ihre liberale und weltoffene Grundhaltung hält.

Jörg Litwinschuh vom Zentrum Miles beim Lesben- und Schwulenverband fordert, Sexualität, in Sonderheit die von Lesben und Schwulen, zum Aufklärungsgegenstand nicht nur des Biologieunterrichts zu machen, „um es aus dem Klima des Kicherns und Motzens herauszuholen“. Und, mehr noch, sei es jetzt Zeit, durch eine „gründliche soziologische Untersuchung“ zu erkunden, wie es um die Ideen von Schülern (und wie die zustande kommen) zu Homosexuellen bestellt ist: „Wenn man dies nicht schafft, wird es mit der Liberalisierung nur halbherzig bleiben.“

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