Vielleicht macht es nicht so viel Sinn, sich hier in die Reihe der Kommentator_innen zu stellen, doch einige der hier geposteten Texte kann ich so nicht stehen lassen.

Zunächst möchte ich daran erinnern, dass die „Homosexualität“ erst am 17. Mai 1990 aus dem sog. Diagnoseschlüssel der Weltgesundheitsorganisation (WHO) entfernt wurde, was ja nun noch nicht soooo lange her ist. Also, weltweit werden wir erst seit 26 Jahren nicht mehr als „krank“ beschrieben – zumindest in den Ländern, in denen diese Botschaft angekommen ist.

Was den §175 StGB betrifft, lässt sich bei Wikipedia Folgendes nachlesen: „1969 kam es zu einer ersten, 1973 zu einer zweiten Reform. Seitdem waren nur noch sexuelle Handlungen mit männlichen Jugendlichen unter 18 Jahren strafbar, wogegen das Schutzalter bei lesbischen und heterosexuellen Handlungen bei 14 Jahren lag. Erst nach der Wiedervereinigung wurde 1994 § 175 auch für das Gebiet der alten Bundesrepublik ersatzlos aufgehoben.“ → Da hat sich die bundesdeutsche Politik, im internationalen Vergleich, nicht gerade mit Ruhm bekleckert.

Weiterhin lesen wir von Klagen heterosexueller Mitmenschen, sich von Händchen haltenden oder sich küssenden Schwulen oder Lesben in der Öffentlichkeit belästigt zu fühlen. Zur Last fällt auch „Basisdemokrat“ hier in seinem Kommentar: „Im grunde nerven diesr Veranstaltungen. Die dort vermeintlich geforderten rechte existieren doch bereits. Als hetero ist man heute eher der aussenseiter.“ Solange es diese Meinungen gibt, und das sind nur zwei „geringfügige“ Beispiele, ist das Prinzip „gleiches Recht für alle“ nicht erfüllt.

Allein in der Formulierung des Artikels, in dem die CSD-Demonstration vom Samstag als „Schrille Parade“ bezeichnet wird und im Folgenden Beispiele schrillen Auftretens bei der Demo beschrieben werden, zeigt, dass der Sinn der Veranstaltung nicht verstanden wurde, vielleicht nicht verstanden werden will. Wie viele von den Teilnehmenden waren „schrill“ gekleidet – wie viele waren dagegen in Jeans und Turnschuhen mit dabei? Ein Zahlenvergleich würde Bände sprechen. Und doch braucht es die auffälligen Kostüme auch, um bildlich Vielfalt und Buntheit darzustellen! Was ist daran wirklich auszusetzen?

Wir leben in einer 2-Klassen-Gesellschaft, was sich an der aktuellen Gesetzgebung deutlich macht. Es existiert die traditionelle Ehe und es wurde am 01. Oktober 2001 ein Sondergesetz, das Lebenspartnerschaftsgesetz eingeführt. Ein Sondergesetz ist nicht gleiches Recht für alle! Um nichts anderes geht es.

Wir LSBTI*Q-Menschen sind keine „Betroffenen“! Uns hat kein Infekt ereilt, wir sind nicht falsch erzogen worden – wir sind, wie wir sind! Dafür, in unserer vielfältigen Differenz, respektiert zu werden und sich nicht für jede Handlung oder Überzeugung rechtfertigen zu müssen, gehen wir Jahr für Jahr auf die Straße! Es reicht nicht ein paar Streicheleinheiten in Form von Grundsatzurteilen oder Gesetzesanpassungen zu erteilen – und dann ist es jetzt aber auch gut!

Nein, wenn wir nicht auf die Straße gehen würden, würden wir uns aufgeben!

Wir sind, wie wir sind – und das ist gut so! Und, dafür auf die Straße zu gehen, Gesicht zu zeigen, zusammen zu halten, dafür werden wir weiterhin laut, politisch, fordernd und – von mir aus schrill – weiter, Jahr für Jahr beim Christopher Street Day – auch in Kassel – demonstrieren.

Olaf Rothe, Aidshilfe Kassel

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